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Sonntag, 29. Mai 2011

Universalien

Verehrter Leser, bitte stellen Sie sich verschiedene Gegenstände vor, die alle genau die gleiche Eigenschaft haben, oder die alle das gleiche Wesen haben. Fritz, Petra und Angelika sind Menschen. Hasso, Fido und Lumpi sind Hunde. Obgleich es zwischen den drei Menschen zahlreiche Unterschiede gibt und ebenso zwischen den drei Hunden, stimmen die beiden Dreierpaare darin überein, dass die ersten drei Menschen sind, während die anderen drei Namen Hunde bezeichnen. Der Philosoph oder die Philosophin stellt nun die Frage, ob diese Gemeinsamkeit – eben das Wesen des Hundes oder das Wesen des Menschen wirklich sind, ob sie auch unabhängig von unserem Denken und Erkennen bestehen, oder ob es sich bloß um allgemeine Begriffe oder gar bloß um Namen handelt, denen in der Realität nichts entspricht. Von der Beantwortung dieser Frage, die sich für den philosophischen Laien doch arg abstrakt anhört, hängt sehr, sehr Wesentliches ab.

Mittwoch, 25. Mai 2011

Sachverhaltsontologie contra Wesenheiten



Unter den gegenwärtigen Positionen innerhalb der neueren Ontologien, insbesondere der analytischen Ontologie gibt es eine Ontologie, deren Grundlage sogenannte Sachverhalte (auch Tatsachen genannt, im englischen State of Affairs oder Facts) sind. Ich halte diese Ontologien wegen ihres Universalienrealismus und anderer Theorien für die derzeit beste nicht-scholastische Philosophie. Sie ist insgesamt konsistent und einfach. Dies besagt natürlich nicht, dass ich diese Ontologien für richtig halte. Im Gegenteil: Sachverhaltsontologien lehnen Wesenheiten im Sinne der aristotelischen Scholastik radikal ab. Hauptvertreter dieser Ontologien sind Gustav Bergmann (+ 1967) und seine Schule, insbesondere Reinhard Grossmann (+ 2010) und in Deutschland Erwin Tegtmeier, dessen Ontologie die am besten entwickelte ist. Am bekanntesten dürfte David Armstrong sein, der aber nicht dieser Schule zuzurechnen ist. Die Kritik der „Bergmann-Schule“ an den Wesenheiten soll im Folgenden diskutiert werden.

Sonntag, 22. Mai 2011

Menschenrechte für Tiere?

In den vergangenen zwanzig Jahren ist die sogenannte Tierrechtsbewegung besonders in den angelsächsischen Ländern immer stärker geworden. Vor allem in den USA gibt es eine macht- und einflussreiche Organisation mit dem Namen Nonhuman-Rights (NHR), der es in den vergangenen zehn Jahren erfolgreich gelungen ist, an 120 Law Schools Kurse für Tierrechte zu etablieren und an 155 von 200 Rechtsschulen Ortgruppen der Animal Legal Defense Fund (ALDF) zu gründen, die sich dafür einsetzen, dass Lehrstühle für Tierrechte eingerichtet werden. Vermutlich haben auch Sie schon einmal an einem Stopp-Schild den Aufkleber gesehen „Stopp Eating Animals“. Scholastiker möchte sich diesem Thema annehmen und die philosophischen Grundlagen von Tierrechten klären helfen.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Die Substanzen

Schon in der Frühe der modernen Philosophie wird die Substanz in Frage gestellt. Dies hat sich bis heute kaum geändert. Dabei beruht auch in diesem Fall die Ablehnung weitgehend auf Missverständnissen des aristotelisch-scholastischen Substanzbegriffs. In erster Linie geht es bei den Substanzen um die konkreten Einzeldinge und hier im Besonderen wieder um die Lebewesen und die Atome, Moleküle und möglicherweise bestimmte subatomare Teilchen, sofern diese als selbständige Seiende sich erweisen lassen. Vom Menschen hergestellte Dinge, wie Tische, Werkzeugmaschinen, Uhren oder Kunstwerke sind nur in einem abgeleiteten Sinne als Substanzen zu bezeichnen. Die Frage aber ist, was denn eine Substanz ist.

Montag, 16. Mai 2011

Materie und Veränderung

Welche Bedeutung die Materie im zuvor dargestellten Sinne hat, wird vor allem bei der philosophischen Erklärung der Veränderung deutlich. Die ganze Welt und alles in ihr befindet sich in ständiger Veränderung. Die neuzeitliche und auch gegenwärtige Philosophie hat nicht selten einen sehr eingeschränkten Begriff von Veränderung, der vor allem von Descartes beeinflusst und auf die Ortveränderung, also die räumliche Veränderung, eingeschränkt ist. Die scholastische Philosophie kennt weit mehr Arten der Veränderung. Ganz grob kann man unterscheiden zwischen akzidenteller Veränderung, wie qualitativer, quantitativer oder räumliche Veränderung und der Wesensveränderung, bzw. der substantiellen Veränderung. Eine qualitative Veränderung liegt bei der Veränderung der Qualität eines Dinges vor, z.B. von ich mein schwarzes Auto grün lackieren lassen. Eine quantitative Veränderung ist eine Veränderung meines Körpergewichts, wenn es mir z.B. nach monatelangem Fasten gelingt, 10 kg Gewicht abzunehmen.

Samstag, 14. Mai 2011

Einige Neuerungen im Blog

Ich habe meinen Blog etwas überarbeitet und bestimmte Merkmale hinzugefügt. Nicht nur das Design wurde erneuert mit dem Ziel einer besseren Lesbarkeit und Übersichtlichkeit, auch zwei Rubriken für Links, Websites und Blogs, wurden hinzugefügt. Die meisten dieser Links sind (leider) englischsprachig, da es im deutschen Sprachraum bislang kaum Websites oder Blogs gibt, die mit dem Thema Scholastik in direkter Verbindung stehen, zumindest nicht so in Verbindung stehen, dass sie zu empfehlen sind.

Freitag, 13. Mai 2011

Materie

Der philosophische Zeitgeist ist materialistisch. Er versucht, alles was es gibt auf etwas Materielles zurückzuführen. Dabei überlässt man die Antwort auf die eigentlich philosophische Frage, was denn die Materie ist, den Naturwissenschaften. Doch diese sind sowohl vom Gegenstand ihrer Forschung als auch von ihrer Methode her nicht in der Lage eine philosophische Wesensfrage zu beantworten. In meinem letzten Beitrag wurde mehrfach die Materie als zweites Konstitutionsprinzip der Dinge genannt. Was wir als Materie oder als materielle Dinge kennen, ob Sandhaufen, Steine, Berge, Planeten, Sterne oder auch Lebewesen, die ja auch materiell sind, ist immer schon geformte Materie, Materie, die durch die Form bestimmt ist. Dies gilt selbst für Moleküle, Atome und selbst subatomare Teilchen, wie Elektronen, Protonen, Neutronen und deren Bestandteile. Ein Materialist, oder besser gesagt ein Physikalist, als besondere Spezies des Materialisten, behauptet, Materie sei letztlich auf diese atomaren Teile zurückführbar; Atome und subatomare Teilchen seien das, was man mit Materie bezeichnet und aus diesen Teilchen sei alles andere zusammengesetzt. Natürlich ist das nicht falsch, aber es ist keine wirklich philosophische Erklärung.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Wesenheit und Wesensform

Die Wesenheit eines jeden Seienden wird durch die Definition ausgesagt. Bestimmend für die Wesenheit eines jeden Dinges ist die Form. Ganz allgemein besteht jede Entität aus Form und Materie, wobei die Form das Bestimmende, die Materie das Bestimmte und Bestimmbare ist. In dieser Allgemeinheit ist die Form das Prinzip der Bestimmung, das auch bei nicht-substantiellen Dingen, Eigenschaften und Akzidenzien, zu finden ist. Die Form bestimmt, was etwas ist, sei es ein grüner Fleck, ein Sandhaufen, ein Auto und natürlich echte Substanzen, also insbesondere alle Lebewesen. Bei diesen Letzteren, den Substanzen, handelt es sich um eine besondere Form, nämlich die Wesensform oder substantielle Form.

Montag, 9. Mai 2011

Existenz und Wesenheit: Nur ein einziges Seiendes?

Im Beitrag zuvor hatte ich am Schluss darauf hingewiesen, dass eines der wichtigsten Gründe für die Leugnung der realen Verschiedenheit von Wesenheit und Existenz der moderne Zweifel an der Erkennbarkeit der Existenz (und natürlich ebenso der Wesenheit) ist. Wirklich starke Argumente gegen diese fundamentale Unterscheidung gibt es kaum. Bei Thomas von Aquin gibt es noch ein weiteres Argument gegen die Annahme, Existenz und Wesenheit könnten nicht unterschieden werden. Thomas legt dar, dass wenn Wesenheit und Existenz nicht verschieden sind, sie identisch sind. Das heißt „jede“ Wesenheit existiert. Man kann noch weiter gehen und sagen, alles was denkbar ist, existiert auch. Diese Position, die man als Aktualismus bezeichnet, wird in der modernen analytischen Philosophie tatsächlich vertreten.

Dienstag, 3. Mai 2011

Wesenheit und Existenz

Fundamental für die gesamte scholastische Philosophie ist die reale Unterscheidung von Wesenheit und Existenz. Thomas von Aquin nennt seine erste kleine Schrift, gewissermaßen seine „Dissertation“, „De ente et essentia“, über das Sein und das Wesen und schreibt hier einleitend; „Ein kleiner Irrtum zu Beginn wird am Ende zu einem großen, sagt der Philosoph (gemeint ist hier Aristoteles, sagt Scholastiker) im ersten Buch seiner Schrift über Himmel und Erde. Nun sind aber, wie Avicenna zu Beginn seiner Metaphysik bemerkt, Seiendes und Wesen die beiden Begriffe, die von unserem Denken zu allererst erfasst werden.“ Und so fährt Thomas fort, um ein Missverständnis gleich am Anfang zu vermeiden, muss man zunächst diese Wort Seiendes und Wesen klären. Dies ist dann der Gegenstand der kleinen Schrift. Die spätere Philosophie hat diesen Rat leider nicht mehr befolgt und damit auch die Unterscheidung von Seiendes und Wesen übergangen. Die Folgen sieht man in der neuzeitlichen Philosophie.

Sonntag, 1. Mai 2011

Die Erkennbarkeit von Wesenheiten

Tatsächlich beruhen alle, oder fast alle Argumente gegen Wesenheiten auf der Behauptung, dass Wesenheiten, sollte es solche tatsächlich geben, nicht erkennbar sind. Selbst wenn dieses Argument zutreffen sollte, was wir bestreiten und sogleich widerlegen werden, dann wäre dieser skeptische erkenntnistheoretische Einwand kein Argument gegen die ontologische Behauptung von Wesenheiten. Es bliebe dann noch die Möglichkeit, dass es zwar Wesenheiten gibt, diese allerdings unerkennbar sind, sozusagen „verborgene Wesenheiten“, wie sie Locke auch tatsächlich annimmt. Allerdings beruht diese Skepsis in Bezug auf Wesenheiten auf empiristischen Voraussetzungen, nach denen nur das erkennbar ist, was sinnlich gegeben ist, wobei dieses sinnlich Gegebene die Sinneseindrücke selbst sind, also mentale Entitäten, denen nicht notwendigerweise eine Wirklichkeit entspricht.