Mittwoch, 19. Juni 2013

Der falsche Materialismus

Vor etwa einem Jahr wurde in den USA ein Buch eines der derzeit führenden Philosophen, Thomas Nagel, veröffentlicht, das seither zu den am meisten diskutierten philosophischen Neuerscheinungen gehört. Der Titel des Buches lautet: Mind and Cosmos. Nicht nur in nahezu allen bedeutenden Fachzeitschriften, sondern auch in Tages- und Wochenzeitungen und insbesondere in philosophischen Blogs wird das Buch heiß diskutiert. Erfreulicherweise hat sich der Suhrkamp Verlag entschlossen, das Buch zu übersetzen; die Veröffentlichung unter dem Titel Thomas Nagel: Geist und Kosmos. Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist. wird Ende Oktober erscheinen und ist unbedingt zu empfehlen. Scholastiker hat das Buch bereits gelesen und gibt Ihnen hier eine Zusammenfassung des zentralen Arguments.





Zunächst muss hervorgehoben werden, dass Thomas Nagel selbst Materialist ist. Er ist also kein grundsätzlicher Kritiker der Materialismus. Im Unterschied zu den meisten oberflächlichen und vor allem ideologisch motivierten Materialisten benennt Nagel seit Jahrzehnten die Probleme, vor denen jede materialistische Konzeption des menschlichen Geistes steht. Berühmt wurde Nagel mit einem Aufsatz unter dem Titel How is it like to be a bad? also etwa, wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu sein. Bereits in diesem frühen Aufsatz legt er die Grundlage für seine Kritik am gegenwärtigen Materialismus in der Philosophie des Geistes. Mehr und mehr hat er sich im weiteren Verlauf dann der aristotelischen Philosophie, insbesondere der Theorie der Ziel- oder Zweckursachen, angenähert und er plädiert dafür, diese Theorie in einen erneuerten Materialismus aufzunehmen.

Dass er damit bei eingefleischten und ideologisch motivierten Denkern nicht gerade auf Zustimmung stößt, dürfte klar sein. Allerdings sind seine Argumente von diesen oberflächlichen Materialisten nicht so einfach zu erledigen, was allerdings leider dennoch viele dieser Philosophen versuchen, die sein Argument überhaupt nicht verstanden haben, weil sie es eher empirisch und nicht philosophisch auffassen. Nagel behauptet aber nicht, dass der Materialismus eher unwahrscheinlich ist, sondern dass er philosophisch, zumindest in der derzeitigen Form, unmöglich ist. Nagel argumentiert dafür, dass unter der Annahme eines materialistischen Verständnisses der Materie der Ursprung des Bewusstseins durch Evolution nicht nur unwahrscheinlich ist, sondern unmöglich.

Das Argument ist, verkürzt dargestellt, das Folgende: Das zentrale Problem des Materialismus ist deren Begriff der Materie. Angefangen von der neuzeitlichen Philosophie bei Descartes, Galileo und bis in die Gegenwart wird die Materie in der Weise bestimmt, dass Dinge wie Hitze, Kälte, Farben, Töne, Gerüche, Gefühle usw. nicht Teil der materiellen Welt sind, zu der auch das Gehirn gehört. Diese Dinge, die auch als „sekundäre Qualitäten“ bezeichnet werden, gibt es nach der neuzeitlichen Konzeption der Materie nicht in der materiellen Welt, sondern nur in unserem Bewusstsein und das heißt als Repräsentation von Materie. Materiell sind hingegen bestimmte Wellen oder kinetische Energie oder ausgedehnte Teile usw. Dadurch gibt es, wie bei Descartes, gewissermaßen zwei völlig getrennte Welten, die des Bewusstseins und die der Materie ohne alle Ziele, ohne Wärme und Kälte, ohne Töne etc. Dadurch entsteht nun das Problem, das heute in der Philosophie unter dem Begriff „Qualia“ diskutiert wird. Unter Qualia versteht man diese Eigenschaften, wie Hitze, Töne, Gefühle, die sich nicht auf materielle Dinge zurückführen lassen und deshalb für jeden Materialisten das größte Problem darstellen, da sich ihre Existenz nicht bestreiten lässt. Nur einige wenige sogenannte Eliminitavisten bestreiten, dass es solche Phänomene überhaupt gibt, doch ist diese Position, wie sie von den Eheleuten Churchland vertreten wird, mehr als umstritten. Selbst wenn man unter den modernen materialistischen Voraussetzungen alle Informationen über eine Fledermaus erforscht hat, kann man dennoch nicht sagen, wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu sein.

Das Problem des neuzeitlichen Materialismus liegt somit im Wesen des Begriffs der Materie selbst, der alles ausschließt, was in irgendeiner Weise auf den menschlichen Geist bezogen ist. Auf der Grundlage eines solchen Materiebegriffs sind Phänomene wie Qualia völlig unerklärlich. Thomas Nagel scheint deshalb dafür zu plädieren, aristotelische Zweck- oder Zielursachen in den Materiebegriff aufzunehmen, mit denen eine zielgerichtete Entwicklung der Natur erklärbar wäre.

Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion in Deutschland entwickelt, nachdem das Buch in deutscher Übersetzung erschienen ist. Vielleicht komme ich auf dieses Thema später wieder zurück.

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