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Mittwoch, 9. Juli 2014

Das Prinzip der Finalität



Das Prinzip der Finalität lautet nach Thomas von Aquin: „Jedes Tätige ist um eines Zieles willen tätig“ (Summa contra gentiles, III, 2). Oder anders formuliert: Wenn A durch seine Natur die Wirkursache von B ist, dann ist die Entstehung von B die Finalursache von A. Nehmen wir als Beispiel die Neigung eines Eiswürfels eine Flüssigkeit oder die Luft in der Umgebung zu kühlen. Oder die Neigung von Phosphor am Kopf eines Streichholzes eine Flamme zu erzeugen, wenn das Streichholz an der Seitenfläche der Streichholzdose gerieben wird. Dies sind die entsprechenden Wirkungen des Eiswürfels oder des Streichholz unter normalen Umständen. Der Eiswürfel wird die Umgebung kühlen und nicht erwärmen und der Phosphor am Streichholz wird eine Flamme erzeugen und erhitzen und nicht kühlen. Das der Eiswürfel und der Phosphor genau diese Wirkungen und nicht irgendwelche anderen oder gar keine Wirkungen erzeugen, ist nur dadurch erklärlich, wenn wir annehmen, dass es etwas in ihnen gibt, das sie genau auf dieses und kein anderes Ergebnis als ihr Ziel oder Zweck richtet. Dies ist die Finalursache. 




Moderne Philosophen sind schon seit Jahrhunderten der Auffassung, dass man keine Finalursachen benötigt, weil die Wirkursachen allein ausreichen, um kausale Regularitäten in der Natur zu erklären. Diese Auffassung findet sich sogar bereits in der Spätscholastik, explizit bei William von Occam. Nach Occam kann man nur bei Wesen mit einen freien Willen von Finalität sprechen. Occam argumentiert für seine Sicht durch den Hinweis, dass wir, abgesehen von der Offenbarung, nur sehr wenig über Finalität und Teleologie wissen können. Hier ist bereits der spätere Skeptizismus vorgebildet.

Occam sagt: „Wenn ich keine Autorität [gemeint ist die Wahrheit des Glaubens] anerkennen würde, würde ich behaupten, dass es nicht bewiesen werden kann – weder durch Aussagen, die durch sich bekannt sind, noch durch Erfahrung – dass jede Wirkung eine finale Ursache hat, die entweder verschieden oder nicht verschieden von der Wirkursache ist. Denn es kann nicht zureichend geprüft werden, dass jede Wirkung eine finale Ursache hat.“ (W. von Occam, Quodlibet 4, q. 1. Eigene Übersetzung). Ähnliche Aussagen finden sich auch bei anderen Nominalisten der Spätscholastik und im Gefolge dann in der neuzeitlichen Philosophie, fast wörtlich vor allem bei John Locke und David Hume.

Ein Argument gegen die Finalität besteht darin, dass behauptet wird, dass eine Wirkursache ihre Wirkung notwendig hervorbringt und deshalb keine Bezugnahme auf eine Zweckursache erforderlich ist. Doch ist dies kein Argument: Wir wollen nämlich wissen, was es bedeutet, dass eine Wirkursache eine notwendige Wirkung hervorbringt. Wir wollen eine Erklärung dafür, warum diese Ursache genau diese und keine andere Wirkung hervorbringt. Entweder beinhaltet die Notwendigkeit etwas, das intrinsisch in der Ursache enthalten ist oder nicht. Jede der beiden Möglichkeiten führt aber zu erheblichen Problemen für die Auffassung, dass die Wirkursache ausreicht, um eine kausale Regularität zu erklären.

Dies wird folgendermaßen deutlich: Nehmen wir an, dass die Notwendigkeit etwas ist, das Ursache und Wirkung äußerlich ist. In diesem Fall hätte die Notwendigkeit der Wirkung B, die durch die Ursache A hervorgebracht wird, nichts mit A oder B selbst zu tun, sondern mit etwas anderem. Doch womit? Eine Möglichkeit wäre, dass Gott dafür sorgt, dass B auf A folgt. Doch dies führt zu der Frage, wie Gott dies tut. Wenn man antwortet, dass er lediglich B dadurch verursacht, dass er B notwendig macht, hat man das Problem nur umgangen aber nicht gelöst. Wenn man hingegen antwortet, dass Gott B verursacht in dem er es als Ziel im Blick hat, greift man doch wieder auf Finalität zurück und gibt die Auffassung auf, dass Wirkkausalität alleine ausreicht, um Regularitäten in der Natur zu erklären.

Doch anstatt auf Gott Bezug zu nehmen, was heute ohnehin kaum noch ein Wissenschaftler akzeptieren würde, könnte man behaupten, dass B auf A folgt auf bestimmten Naturgesetzen beruht. Doch wie bereits in einem früheren Beitrag herausgestellt wurde, erklären Naturgesetze überhaupt nichts, sondern sind nur Beschreibungen von Regularitäten.

Somit bleibt letztlich nur die aristotelische Auffassung, dass B notwendig auf A folgt, weil B das Ziel von A ist. Eine umfangreiche und ausführliche Begründung der Finalität findet sich in dem Buch von Garrigou-Lagrange, dass erst kürzlich in deutscher Sprache übersetzt wurde: DerRealismus der Finalität

Auch im Buch Edward Fesers: Scholastic Metaphysics, findet sich weit mehr zu diesem Thema. Der vorherige Text ist nur eine Kurzzusammenfassung des Kapitels 2.2.1 dieses Buches.


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