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Samstag, 8. August 2015

Neuer Essentialismus



Nach jahrhunderterlanger Abstinenz vom Essentialismus, also der Theorie, dass es Wesenheiten gibt, die in der Realität selbst und nicht nur im Bewusstsein existieren, gibt es seit einiger Zeit nun auch in der analytischen Philosophie wieder ein neues Interesse an Wesenheiten. Allerdings unterscheidet sich dieses neue Verständnis ganz erheblich vom klassischen Essentialismus der aristotelisch-scholastischen Tradition. Die neuen Essentialisten stehen im Zusammenhang mit den Weiterentwicklungen in der modernen Logik, insbesondere der Modallogik, und gehen teilweise zurück auf Hilary Putnam und Saul Kripke.




Die Version des Essentialismus, die im Zusammenhang mit Saul Kripke steht, wurde um seinen Begriff des sogenannten rigid designator gebildet, was man etwa mit starrer Designator oder starrer Name bzw. Bezeichner übersetzen könnte. Kripke versteht darunter einen solchen Namen oder Begriff, mit dem man sich in allen möglichen Welten auf den gleichen Gegenstand bezieht. Dazu gehören echte Namen und natürliche Arten. So sind Wasser und H2O natürliche Artbegriffe. Der Begriff H2O bezieht sich in allen möglichen Welten auf Wasser. Solche Designatoren sind notwendigerweise wahr, d.h. die Aussage, dass Wasser H2O ist, ist eine notwendige Wahrheit.

An dieser sehr verkürzten Darstellung erkennt man, dass der Begriff der „möglichen Welten“ ganz zentral für diese Theorie ist. Die Theorie ist nicht ganz einfach und es gibt zudem verschiedene Ansätze zur Theorie möglicher Welten. Mit Hilfe dieses Begriffs werden Fragen beantwortet wie, was möglich ist, was Wirklichkeit bedeutet oder was man unter Notwendigkeit verstehen muss, also Fragen der Modalontologie. So ist etwas notwendig, wenn es in allen möglichen Welten wahr ist und wirklich ist etwas, wenn es in mindestens einer möglichen Welt wahr ist.

Im Unterschied zum klassischen Essentialismus werden im neuen Essentialismus oftmals bestimmte Eigenschaftskomplexe mit einer Wesenheit identifiziert und zwar mit genau den Eigenschaften, die ein Ding in jeder möglichen Welt hat. Diese Eigenschaften, bzw. dieser Eigenschaftskomplex werden weiterhin so beschrieben, dass sie die „innere Struktur“ (internal structure, Kripke) einer Entität ausmachen. Putnam spricht hier auch von einer „verborgenen Struktur“ (hidden structure). Diese Strukturen sind bestimmt durch die Naturwissenschaften. So wird H2O als die interne Struktur und damit als „Wesen“ von Wasser beschrieben oder das „Wesen“ der Wärme (bzw. die verborgene Struktur) wird als molekulare Bewegung verstanden.

Im Unterschied zum Wesensbegriff des Rationalismus und Idealismus, der keine objektiven, unabhängig von unserem Bewusstsein existierenden Wesenheiten anerkennt, verstehen die neuen Essentialisten diese Wesenheiten durchaus objektiv und sie gehen davon aus, dass solche Wesenheiten nur durch empirische Untersuchung der entsprechenden Gegenstände entdeckt werden können. Mit diesen beiden Punkten stimmen die neuen Essentialisten mit dem klassischen Essentialismus überein.

Allerdings gibt es schwerwiegende Unterschiede zum klassischen Essentialismus. Erwähnt wurde bereits die falsche Auffassung, dass Wesenheiten als Eigenschaftskomplexe verstanden werden. Für den klassischen Essentialismus ist eine Eigenschaft fundamental verschieden von einer Wesenheit, denn Eigenschaften sind Eigenschaften von Wesenheiten und folgen aus den Wesenheiten.

Ein weiteres gravierendes Missverständnis des gegenwärtigen Essentialismus besteht in der Bestimmung von Wesenheiten durch die Bezugnahme auf mögliche Welten. Bei der Semantik möglicher Welten, die in der Logik ganz brauchbar sein kann, handelt es sich nicht um „wirkliche Möglichkeiten“. Mögliche Welten existieren nirgendwo außer im Kopf derjenigen, die daran denken. Wesenheiten hingegen sind wirkliche, reale Entitäten. Es könnte vielleicht sinnvoll sein zu fragen, wie sich eine bestimmte reale Wesenheit in bestimmten möglichen Welten verhält, doch diese Frage setzt die Wesenheit bereits voraus und erklärt nicht die Wesenheit selbst. Mögliche Welten sagen uns nichts über die Wesenheiten von Entitäten.

Es gibt aber noch weitere Probleme mit diesem Ansatz. Insbesondere sind diese Theorien zirkulär, denn sie erklären modale Begriffe (möglich, notwendig, unmöglich) durch mögliche Welten, doch „möglich“ ist ja selbst ein modaler Begriff. Daher setzen diese Theorien das voraus, was sie vorgeben erklären zu wollen.

Und es gibt ein weiteres Problem mit der Erklärung von Wesenheiten durch mögliche Welten. Es ist die Wesenheit von Wasser oder die Wesenheit eines Baumes oder eines Menschen die bestimmt, was von diesen Dingen in verschiedenen möglichen Welten wahr ist. Es ist nicht das, was in verschiedenen möglichen Welten wahr ist, dass die Wesenheit dieser Dinge bestimmt. Hier werden die Konsequenzen, die Folgen der Wesenheit eines Dinges, - das was aus der Wesenheit eines Dinges folgt – mit dem verwechselt, was eine Wesenheit konstituiert.

Zudem hat Kit Fine argumentiert, dass das Haben einer Wesenheit bzw. bestimmter notwendiger Eigenschaften in jeder möglichen Welt eine Bedingung für die Existenz ein wesentlichen Eigenschaft sein könnte, aber es ist keine zureichende Bedingung. Das Beispiel Kit Fines zur Erläuterung: Wenn Sokrates existiert, dann gehört er notwendigerweise zu einer einelementigen Menge. Es ist aber nicht plausibel, dass dieses zu einer Menge gehören das Wesen oder die Natur von Sokrates ist. Allerdings lässt sich dieses Argument widerlegen und ich halte es nicht für ein starkes Argument gegen den modalen Essentialismus, wie man ihn auch nennen könnte.

Wie dem auch sei, die neuen Essentialisten stehen auf schwachen Beinen und ihre Theorie ist, wie gezeigt, falsch. Hinzu kommt, dass die Wesenheiten der neuen Essentialisten auf eine „interne“ oder „verborgene“ Mikrostruktur reduziert werden, oder anders gesagt, dass die Wesenheit mit bestimmten naturwissenschaftlichen Eigenschaften identifiziert werden. Für die Bestimmung einer Wesenheit sind sicher die Erkenntnisse der Naturwissenschaften und damit der atomaren oder subatomaren Struktur hilfreich, aber ebenso wichtig ist die „Makrostruktur“; allein durch die genetische Struktur eines Menschen lässt sich sicher das Wesen des Menschen nicht bestimmen.

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