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Montag, 9. Mai 2016

Kosmologische Gottesbeweise: Leibniz und William Lane Craig



Die ersten drei Gottesbeweise bei Thomas von Aquin werden oft unter dem Titel „kosmologische Gottesbeweise“ zusammengefasst. Bei dieser Art von Argumenten für die Existenz Gottes werden reale Verhältnisse in der Welt zum Ausgangspunkt für ein Argument für die Existenz Gottes genommen. Bei Thomas ist dies die Tatsache, dass es Veränderungen in der Welt gibt  oder dass es kausale Beziehungenzwischen den Dingen gibt, bzw. dass die Dinge der Welt nicht notwendigerweise existieren. Bereits vor Thomas gab es natürlich auch schon kosmologische Gottesbeweise und ebenso nach Thomas. Am Bekanntesten ist der kosmologische Gottesbeweis von Leibniz. In jüngerer Zeit hat der Philosoph William Lane Craig einen Gottesbeweis neu in die Debatte eingeführt, der ursprünglich auf die islamische Philosophie zurückgeht.


Für Leibniz gibt es ein zentrales Prinzip in seiner rationalistischen Philosophie, das er auch für seinen kosmologischen Gottesbeweis verwendet. Es ist das Prinzip vom zureichenden Grund, über das ich bereits an anderer Stelle im Blog geschrieben habe. Bei Leibniz wird dieses Prinzip mit der folgenden Formulierungen vorgestellt: „Im Sinne des zureichenden Grundes finden wir, dass keine Tatsache als wahr oder existierend gelten kann und keine Aussage als richtig, ohne dass es einen zureichenden Grund dafür gibt, dass es so und nicht anders ist, obwohl uns diese Gründe meistens nicht bekannt sein mögen“. Dieser Satz findet sich in einem Hauptwerk Leibniz‘, der „Monadologie“ (§ 32). Kurz gesagt: Nichts ist ohne Grund. Es handelt sich in der Tat um ein zentrales philosophisches und vor allem erkenntnistheoretisches Prinzip, obwohl auch dieses Prinzip später verschiedenen Einwänden ausgesetzt war und bis heute ist, die oft auf David Hume zurückgehen.
Wie der „dritte Weg“ Thomas von Aquins geht nun Leibniz von der Kontingenz der Welt aus, d.h. von der Tatsache, dass die meisten uns bekannten Dinge dieser Welt nicht notwendigerweise existieren, denn es gab sie früher einmal nicht und es wird sie auch eines Tages nicht mehr geben. Das gilt auch für uns selbst. Wenn dem so ist, meint Leibniz, dann muss es für diese Kontingenz auch einen „zureichenden Grund“ geben. Natürlich kann auch dieser Grund selbst wieder kontingent sein und dieser kontingente Grund kann wiederum kontingent sein usw. Diese Kette der Gründe kann im Prinzip bis ins Unendliche zurückreichen: B ist der Grund von A, C ist der Grund von B, D ist der Grund von E usw. ad infinitum. 

Leibniz stellt nun aber die Frage, warum es solche Ketten von Gründen, seien diese nun endlich oder unendlich – überhaupt gibt. Diese Ketten von Gründen sind ja ebenfalls kontingent so wie die Dinge in der Welt, aber auch die Welt als Ganzes. Weiterhin sagt Leibniz, dass kein einzelner Teil der Welt der Grund für die Existenz der ganzen Welt sein kann, was sich logisch daraus ergibt, dass dieser Teil der Welt letztlich selbst kontingent ist. Leibniz schließt daraus, dass es einen letzten zureichenden Grund für die Ketten von Gründen ebenso geben muss, wie für die Existenz der Welt als Ganzes und dass dieser Grund nicht ein Teil der Welt sein kann. Der zureichende Grund für die Existenz der Ketten von Gründen oder für die Existenz der Welt als Ganzes ist somit „außerhalb“ der Welt. Dieser letzte Grund muss zudem selbst „ohne Grund“ sein und dies trifft allein auf Gott zu.
Nun kann man freilich einwenden, warum es nicht einen innerweltlichen Grund gebe kann, der selbst notwendig ist. Leibniz kennt diesen Einwand selbst. Nach Leibniz gibt es zwei verschiedene Arten von Notwendigkeit. Alles innerweltlichen Gründe, wie wir sie aus diesem Ketten von Gründen kennen, sind immer hypothetischer Natur. Damit meint er, dass es sich dabei um Gründe handelt, die nur insofern Gründe sind, als es die Welt gibt. Also: Wenn A der Grund von B ist, dann deshalb, weil es die Welt W gibt. Ein zureichender Grund für die Existenz der Welt selbst kann kein hypothetischer Grund sein, d.h. der Grund kann nicht nur eine hypothetische Notwendigkeit besitzen. Die Art der Notwendigkeit, die als zureichender Grund für die Existenz der Welt als Ganzes in Frage kommt, ist eine metaphysische Notwendigkeit. Diese Art der Notwendigkeit könnte man als absolut bezeichnen und dies gilt nur von Gott. Gott ist absolut oder metaphysisch notwendiger Grund für die Existenz der Welt.

Weitere Einwände gegen diesen Gottesbeweis möchte ich hier beiseitelassen. Es gibt sie natürlich, doch ich denke, dass sich diese Einwände widerlegen lassen. Leibniz‘ Gottesbeweis ist unter der Voraussetzung des Satzes vom Grund durchaus ein starkes Argument für die Existenz Gottes.

William Lane Craig
Craig gehört zu den bekanntesten und renommiertesten Religionsphilosophen der Gegenwart und er ist ein liebenswürdiger Mensch. Allerdings kann ich seine philosophischen Positionen zum größten Teil nicht teilen. Craig gehört zu der Gruppe von Religionsphilosophen, die der Thomist Brian Davies als „theologische Personalisten“ bezeichnet hat. Dies sind Philosophen, die z.B. die Ewigkeit Gottes, die Allwissenheit und andere klassische Attribute Gottes bestreiten und stattdessen davon ausgehen, dass Gott z.B. zeitlich ist usw. Ich werde vielleicht später einmal in einem eigenen Blogbeitrag darauf zurückkommen.

Craig bezieht sich mit seinem kosmologischen Argument (a) historisch auf den sogenannten kalam Gottesbeweis aus der islamischen Philosophie des Mittelalters und (b) auf moderne Erkenntnisse der big-bang theory, also der Urknalltheorie. Ausgangspunkt ist also die These, dass die Welt, bzw. das Universum, einen Anfang hat. Diese These ist heute zur Standardtheorie in der Physik geworden, doch es gibt auch Argumente, die dagegensprechen. Die physikalischen Beweise für den Urknall sind für Craig nicht von ausschlaggebender Bedeutung, allerdings geht es davon aus, dass es auf jeden Fall einen Anfang der Welt gibt. Dafür gibt es Argumente, die unabhängig von der empirischen Physik sind, z.B., dass es aktual unendliches Universum ohne einen Anfang zu zahlreichen absurden Konsequenzen führen würde. Ein solches Universum bestände aus einer aktual unendlichen Menge von Dingen, was in einer Welt mit raumzeitlichen Dingen nicht sein kann. Nimmt man hingegen an, dass das Universum nur potenziell unendlich ist, dann könnte dieses Problem gelöst werden, denn dies wäre ein Universum mit einer endlichen Zahl von Dingen, zu denen immer wieder neue Dinge hinzukommen. Allerdings ist dieser Ausweg bei der Annahme eines unendlichen Universums nicht möglich, denn eine Reihe von Dingen ohne Anfang in der Zeit wäre ein aktual unendliches Universum. Craig hat dies mit Hilfe des sogenannten Paradoxes vom „unendlichen Hotel“ gezeigt, ein Gedankenexperiment, das auf den Mathematiker Hilbert zurückgeht.

Kommen wir nun zum Argument von Craig für die Existenz Gottes (ich gebe hier die Zusammenfassung wider, die von Edward Feser stammt):

1.     Es gibt keine aktual unendliche Ansammlung von Entitäten.
2.     Ein Universum ohne einen Anfang würde ein aktual unendliches Universum konstituieren.
3.     Deshalb muss das Universum einen Anfang haben.
4.     Alles, was einen Anfang seiner Existenz hat, hat eine Ursache.
5.     Also hat das Universum eine Ursache.

Was damit bewiesen wird, ist zunächst nur, dass es eine Ursache für die Existenz des Universums gibt. Craig bleibt allerdings nicht dabei stehen, sondern versucht jetzt mit weiteren Argumenten zu zeigen, dass eine solche Ursache intelligent sein muss, dass diese Ursache nicht räumlich ausgedehnt sein kann, dass sie nicht veränderbar ist, nicht in der Zeit ist, wie die Dinge, von denen die Ursache eine Ursache ist und dass diese Ursache letztlich eine Person sein muss. Diese Argumente sind allerdings so umfangreich, dass sie für einen Blogbeitrag nicht mehr geeignet sind.

Weitere Vertreter kosmologischer Argumente für die Existenz Gottes sind Alvin Plantinga, den ich schon im Zusammenhang mit ontologischen Gottesbeweisen vorgestellt habe und Richard Swinburne. Die Position Swinburne unterscheidet sich aber in verschiedener Hinsicht und ihm werde ich einen eigenen Blogbeitrag widmen.

Kommentare:

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  3. „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

    Albert Einstein

    Als die Naturwissenschaft trotz des Widerstandes der „hohen Geistlichkeit“ herausfand, dass das Universum sehr viel größer ist als zuvor angenommen, musste der „liebe Gott“ entsprechend mitwachsen. Die Genesis konnte man nicht mehr umschreiben, ohne sich unglaubwürdig zu machen, also wurde in der Disziplin Volksverdummung noch mal kräftig nachgelegt.

    „Was man messen kann, das existiert auch.“

    Max Planck

    Die Volksverdummung lässt sich daran messen, wie lange die Befreiung der Marktwirtschaft (Paradies) vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Erbsünde) hinausgezögert werden kann, obwohl die Natürliche Wirtschaftsordnung „ja doch nur aus einer Reihe banalster Selbstverständlichkeiten besteht“ (Zitat: Silvio Gesell):

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2015/09/die-idiotie-vom-unverzichtbaren-zins.html

    Dass Zinsen nicht auf „Apfelbäumchen“ wachsen, sondern durch die Mehrarbeit anderer, begreift jedes Kind; nicht aber „Erwachsene“, die den künstlichen Archetyp Jahwe=Investor im kollektiv Unbewussten als den „lieben Gott“ anbeten. Wer nun glaubt, die ganze Volksverdummung damit erfasst zu haben, irrt noch immer um 2000 Prozent. Denn die „unterirdischte Verschwörung, die es je gegeben hat“ (Zitat: Friedrich Nietzsche) verzögert den eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation nicht erst seit einem Jahrhundert, sondern schon seit Jesus von Nazareth:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2017/04/das-zivilisatorische-mittelalter.html

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