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Montag, 30. Januar 2017

Gibt es ein objektiv Gutes?

Um eine realistische Ethik begründen zu können, ist vor allem eins nötig: ein objektiver Begriff des Guten. Was bedeutet objektiv? Unter „objektiv“ in diesem Zusammenhang verstehe ich ein Begriff des Guten, der nicht abhängig ist von irgendeiner Festlegung, sei diese nun individuell oder sozial, d.h. über eine Mehrheit und sei diese Mehrheit auch 100%. Es kann eine hundertprozentige Übereinstimmung in einer Sache geben, ohne dass diese Sache deshalb auch objektiv den Tatsachen entspricht. Objektiv meint also unabhängig von unseren persönlichen Vorlieben. Ob jemand gerne Grünkohl isst oder nicht, ist ein subjektives Geschmacksurteil und nicht objektiv. Es gibt viele Dinge in unserem Leben, die nicht objektiv feststellbar sind. Ob Grünkohl gut schmeckt oder nicht gehört zu diesen subjektiven Angelegenheiten. Die meisten Menschen aber auch die meisten Moralphilosophen werden auch der Auffassung sein, dass moralische Urteile letztlich subjektiv sind, wobei diese Subjektivität nicht individualistisch verstanden werden muss. Unsere Frage aber lautet, ob das, was wir als „gut“ bezeichnen, objektiv, also unabhängig von uns, bestimmt werden kann.



Meine These, die ich in diesem Beitrag verteidigen möchte, lautet:

Es gibt einen objektiven Begriff des Guten
Zum Beweis dieser These zunächst einige Beispiele: Nehmen wir verschiedene Kreise. Ein Kreis wird mit einem Stück Kreide schnell an die Tafel gezeichnet. Ein anderer Kreis wird freihändig, aber sorgsam, mit dem Bleistift auf Papier gezeichnet, einen weiteren Kreis zeichnen wir mit einer Schablone auf ein Blatt Papier und einen vierten Kreis konstruieren wir mit einem Grafikprogramm am Computer. Wenn ich Sie nun frage, werden Sie vermutlich übereinstimmend zu der Überzeugung kommen, dass der mit dem Grafikprogramm am Computer konstruierte Kreis der beste Kreis ist. Es ist ein wirklich guter Kreis. Worauf beruht diese Überzeugung? Ist sie nur subjektiv, von Ihrem Geschmack abhängig, durch Gewohnheit angelernt etc. Nein! Wir halten diesen vierten Kreis für gut, weil er objektiv gut ist. Doch worauf beruht es, dass dieser Kreis unabhängig von unserer Überzeugung oder Meinung gut ist? Es beruht darauf, dass dieser vierte, mit dem Computer konstruierte Kreis dem am meisten oder am besten entspricht, was ein objektiver Kreis ist. Ein objektiver oder sozusagen „vollkommener“ Kreis ist ein solcher, wie er durch die Definition des Kreises bestimmt wird, nämlich als eine geometrische Figur, deren Punkte einer Linie alle genau gleich von einem Mittelpunkt entfernt sind. Der mit dem Computer konstruierte Kreis kommt dieser Definition am nächsten. Wir bezeichnen einen Kreis nämlich als gut, der dem Wesen, der Definition des Kreises am nächsten kommt.
Dies gilt nicht nur vom Kreis, sondern auch von anderen Dingen. Ein guter Baum ist ein solcher Baum, der tief in der Erde wurzelt und seine Nährstoffe auf größeren Tiefen auch dann erreicht, wenn es lange Zeit trocken ist; der kräftige und starke Äste ausgebildet und der gerade nach oben gewachsen ist und der im Frühjahr zahlreiche Blätter bildet und im Sommer oder Herbst viele Früchte trägt, durch die er sich vermehrt. Ein solcher Baum entspricht dem, was ein Baum objektiv ist, am meisten entspricht, er entspricht dem Wesen des Baumes.

Ich könnte noch zahlreiche weitere Beispiele wählen – ein guter Löwe, ein gutes Fahrrad oder ein gutes Auto – bei denen, wenn wir sie genau bedenken, immer deutlich werden wird, dass wir die Qualität „gut“ diesen Dingen genau dann zusprechen, wenn sie dem Wesen der jeweiligen Sache entsprechen. Dinge können dem Wesen einer Sache weniger gut entsprechen. Ein Baum kann sehr oberflächlich wurzeln, schwache Äste bilden, die einem Sturm kaum standhalten etc. Einen solchen Baum wird ein Forstwirt als schlechten Baum bezeichnen und über kurz oder lang aus dem Bestand aussortieren. Schlecht ist dieser Baum, weil er dem, was ein Baum ist, weniger gut entspricht. Beim Fahrrad oder dem Auto spielen natürlich auch subjektive Kriterien eine Rolle, denn dabei handelt es sich um Artefakte, die in ihrer Existenz vom Menschen abhängig sind. Aber auch hier gibt es allgemeine Bestimmungen, die jedes Exemplar dieser Artefakte erfüllen muss, um objektiv gut zu sein.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass es offenbar einen objektiven Begriff des Guten gibt. Dieser objektive Begriff des Guten, dies sollte aus dem Beispielen deutlich werden, ergibt sich aus einem objektiven, von uns unabhängigen Etwas. Dieses Etwas ist das Wesen des Dinges, von dem die Rede ist. Ein guter Kreis ist ein solcher, der dem Wesen des Kreises entspricht. Ein guter Löwe ist ein solcher, der dem Wesen des Löwen entspricht. Natürlich entspricht jeder Löwe dem Wesen des Löwen, sonst wäre es natürlich kein Löwe. Das Gleiche gilt von Kreisen oder Bäumen oder was auch immer. Und insofern etwas seinem Wesen entspricht, können wir es auch als gut bezeichnen. Aber bestimmte Vorkommnisse einer Art entsprechen ihrer Art besser als andere und von diesen sagen wir im allgemeinen, dass sie gut sind. Das Beispiel mit dem Löwen stammt übrigens von der Moralphilosophin Philippa Foot, die ebenfalls dafür argumentiert hat, dass es einen objektiven Begriff des Guten gibt, der sich aus der Natur, dem Wesen einer Sache ergibt. Sie meint, dass eine Löwin, die für ihre Jungen ausreichend Nahrung besorgt, indem sie erfolgreich jagt, die ihre Jungen vor Angreifern beschützt und ihnen das Jagen beibringt, eine gute Löwin ist. Eine Löwin, die dies nicht tut, die ihre Jungen vernachlässigt und zuerst für sich selbst sorgt, die wenig erfolgreich bei der Jagd ist usw., ist eine schlechte Löwin. Diese Beurteilungen sind objektiv, sie ergeben sich aus der Natur des Löwen. Es gehört zur Natur einer Löwin, möglichst viele Jungen durchzubringen, und deshalb ist eine gute Löwin eine solche, die dabei erfolgreich ist.

In diesem Beitrag wollte ich die Frage beantworten, ob es einen objektiven Begriff des Guten gibt. Ich habe die These verteidigt, dass es in der Tat einen solchen objektiven Begriff des Guten gibt. Das Argument, mit dem ich diese These verteidigt habe, besteht in dem Hinweis auf das Wesen, die Natur einer Sache. Etwas ist objektiv gut genau dann, wenn es dem Wesen der Sache entspricht. Der Begriff des Guten wird somit definiert durch „entspricht dem Wesen (der Natur) von X“.

In einem früherenBlogbeitrag habe ich auf eine sprachliche Analyse des Wortes „gut“ des Logikers Peter Geach hingewiesen, der gezeigt hat, dass „gut“ kein normales Attribut ist, wie blau oder „hat ein Fell“ oder andere prädikative Adjektive. Vielmehr hat Peter Geach herausgestellt, dass „gut“ ein attributives Adjektiv ist, d.h., die Bedeutung von gut lässt sich nur verstehen, wenn man das Wesen, die Natur oder den Zweck einer Entität kennt, von der man sagt, dass sie gut ist. In genannten Beitrag habe ich das weiter erläutert und muss es deshalb hier nicht wiederholen.

Mit all dem habe ich freilich noch nicht bewiesen, dass es auch ein moralisch objektives Gut gibt. Man könnte der Meinung sein, dass selbst, wenn man mit dem, was ich gerade über den objektiven Begriff des Guten gesagt habe, übereinstimmt, dies nicht bedeutet, dass das moralisch Gute ebenfalls objektiv ist. Um die These zu verteidigen, dass es ein moralisch objektives Gutes gibt, bedarf es eines weiteren Arguments, Doch dazu später mehr.



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